Eine Handvoll Reis

001 bis 300


301 bis 600


601 bis 900


901 bis 1200


1201 bis 1500


1501 bis 1727


Bettina Roggmann, Vorstand der Kulturstiftung Schloß Agathenburg

 

Rede zur Vernissage im Kunstverein Uelzen am 25.1.2014

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
hätten Sie vermutet, dass 1.727 Reiskörner, deren vergrößerte Abbildungen Sie hier im Kunstverein Uelzen sehen, in die Höhlung einer geöffneten Hand passen, wenn es Ihnen der Künstler des Reisprojekts, Manfred Wigger, nicht im Text der Einladungskarte mitgeteilt hätte? Sehr viele Reiskörner für diese überschaubare Menge.
Als Manfred Wigger, gleich nachdem die Fotoreihe im Sommer 2013 entstanden war, eine Präsentation der ersten „nur“ 660 Reiskörner in seinem Studio zeigte, wussten die Gäste nicht, was auf den Bildern dargestellt war. Bei einer kleinen Umfrage unter den damaligen Ausstellungsbesuchern wurden so vielfältige Angaben wie, gelbe Zucchini, Kürbis, Gurken, Maden, Delphinembryos, Pantoffeltierchen oder Bernstein gemacht.
Das die Assoziationen so unterschiedlich ausfielen, liegt vermutlich zum einen an der Besonderheit des Phänomens der Vergrößerung - ca. 20fach vergrößert sind die Reiskörner dargestellt. In der Welt der Abbildungen haben wir es aber in der Regel mit Verkleinerungen der Realität zu tun.
Zum anderen ist es die unerwartete Vielfalt. Beim Vergleich der einzelner Reiskörner stellt man fasziniert fest: Keines gleicht dem anderen. Jedes Reiskorn sieht einzigartig aus und zeigt im Detail Formenvarianten, die man bei den kleinen Körnern nicht vermutet hätte. Jedes hat seine ganz eigene Form, seine eigene Farbigkeit und Oberfläche mit einem geheimnisvollen Schimmer: Es sind Individuen und Manfred Wigger hat sie alle einzeln porträtiert.
Jedes Reiskorn, oder korrekt gesagt, jede Reisfrucht, die aus Mehlkörper, Keimling und umgebendem Silberhäutchen besteht, ist einzeln ohne einen Hintergrund, quasi schwebend, ganz pur dargestellt. Solch streng-formale Pflanzenfotografie erinnert an Karl Blossfelds Vergrößerungen von Pflanzenteilen, die wohl überwiegend um die Jahrhundertwende, also die vom 19. zum 20., entstanden sind.
Die eigentlich als Lehrmittel für den Unterricht an einer kunstgewerblichen Lehranstalt entstanden Fotos von Vergrößerungen von Pflanzenteilen wurden Ende der 20er Jahre von der Kunstszene als eigenständige Werke entdeckt und der Kunstströmung der neuen Sachlichkeit zugeordnet. Walter Benjamin bezeichnet den Ansatz von Karl Blossfeld als „Überprüfung des Wahrnehmungsinventars“, das unsere Sehgewohnheiten, ja unser Weltbild verändern wird. Und weiter heißt es: “Ob wir das Wachsen einer Pflanze mit dem Zeitraffer beschleunigen oder ihre Gestalt in vierzigfacher Vergrößerung zeigen – in beiden Fällen zischt an Stellen des Daseins, von denen wir es am wenigsten dachten, ein Geysir neuer Bilderwelten auf.“
Was heißt das für die Bilder von Manfred Wigger: An die Worte Walter Benjamins angelehnt und damit bildlich gesprochen: Eine Geysir-Fontäne wird nur sichtbar, wenn an einer anderen Stelle - die unserem Blick entzogen ist - ein Siedepunkt erreicht wird. Genau solchen unerwarteten Entdeckungen, deren Ursache uns zunächst verborgen bleibt, ist Manfred Wigger auf der Spur. Dabei interessiert ihn nicht das laue Lüftchen, sondern die wesentlichen Dinge, bzw. das Wesen der Dinge. Um im Bild zu bleiben, wo es im Verborgenen siedet und brodelt.
Sein Werk scheint sich auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Themen zu widmen. Das trifft auf die Wahl der Bildmotive durchaus auch zu. Aber ob Schiffe, Landschaften oder Reiskörner, immer geht es ihm darum, jeweils zum Kern dessen vorzudringen und mit seiner Bildsprache zu untersuchen, was die Wahrnehmung des gewählten Bildgegenstandes ausmacht.
Beim Reis geht es ihm um die Wahrnehmung des Verhältnisses von Menge und Individuum, von Mengenwahrnehmung und Einzelwahrnehmung. Mit Manfred Wiggers Hinweis im Text der Einladungskarte, dass wir eine eigentlich so kleine Menge, wie eine Handvoll Reis eher als wiegbare Masse, denn als zählbare Menge betrachten, weist er auf die Ausblendung des einzelnen Korns in unserer Wahrnehmung hin. Und genau das interessiert ihn: wir registrieren eine Handvoll Reis ausschließlich als Masse und doch sind es lauter individuelle Reisfrüchte. Mit einem Perspektivwechsel hin zum einzelnen, winzigen, anscheinend immer gleichen Reiskorn geraten wir – wenn wir es dank der Serie hier vergrößert und in seiner einzigartigen Gestalt sehen können - auf einmal mitten in eine andere Ebene der Wahrnehmung. Eine Handvoll Reis ist zugleich eine große Zahl von Individuen.
Aber warum gerade Reis? Das hat wesentlich mit seiner Symbolkraft zu tun und mit einem alten Märchen, dass von zählbaren Reiskörnern und einer Zahlenreihe erzählt, die alles Vorstellbare übersteigt.
Es war einmal ein kluger Höfling, der seinem König ein kostbares Schachbrett schenkte. Der König war über den Zeitvertreib sehr dankbar, weil er sich mit seinen Ministern oft langweilte. Zum Dank für dieses besondere Geschenk wollte der König dem Höfling einen Wunsch erfüllen. Dieser erbat sich nichts weiter, als das Schachbrett mit Reis zu füllen. Und zwar auf folgende Weise: Man lege ein Reiskorn auf das erste Feld, und dann auf jedes weitere Feld stets die doppelte Anzahl an Körnern. Also zwei Reiskörner auf das zweite Feld, vier Reiskörner auf das dritte, acht auf das vierte und so fort.
Der König war über den anscheinend bescheidenen Wunsch sehr erfreut. Die mit einem Sack Reis herbeigerufenen Diener stellten jedoch bald fest, dass ein Sack Reis nicht ausreichen würde: Ein Schachbrett hat 64 Felder. Schon das zehnte Feld müsste mit 512 Körnern gefüllt werden, beim 21. Feld wären es über eine Million.
Insgesamt hätte das Schachbrett mit achtzehn Trillionen vierhundertsechsundvierzig Billiarden siebenhundertvierundvierzig Billionen dreiundsiebzig Milliarden siebenhundertneun Millionen fünfhunderteinundfünfzigtausend sechshundertfünfzehn Reiskörner belegt werden müssen. Eine Menge, mit der die gesamte Oberfläche der Erde bedeckt werden könnte und die die weltweite Reisproduktion um ein vielfaches übersteigt.
Im Zusammenhang mit einer solch unvorstellbar großen Zahl drängt sich beim Getreide Reis der Aspekt der Welternährung auf, die Möglichkeit, den Hunger der Welt zu überwinden.
Reis ist die Nahrungsgrundlage eines großen Teils der Menschheit. Das Wort Reis bedeutet sogar in mehreren Sprachen gleichzeitig auch Essen oder Mahlzeit. Wie kein anderes Nahrungsmittel symbolisiert eine Handvoll Reis das menschliche Überleben.
Eine Handvoll Reis und die künstlerische Untersuchung des Wechselspiels zwischen Individuum und Masse stand am Anfang des Reiskorn-Projekts von Manfred Wigger. Doch das Bild vom Reis als Grundnahrungsmittel hat ebenso ein Bedeutungspotenzial für das soziale Miteinander, dem sich der Künstler nicht verschließen wollte. Im Gegenteil, er hat die künstlerisch Betrachtung auf eine Begegnung von Kunst und Charity ausgeweitet. In einem zukünftigen Reiskorn-Projekt wird er sich einem ganzen Sack Reis widmen.
Durch die Ausweitung des Bildgegenstandes auf einen Sack Reis wird die Frage, wo der Reis herkommt, zu einem wichtigen Teil des künstlerischen Konzepts. Geplant ist die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen. Der Reis wird vor Ort bei einem erfolgreichen Hilfsprojekt eingekauft. Wie bei der Handvoll Reis werden auch von allen ca. 3 Millionen Reiskörnen, die die Menge eines Sacks Reis ausmachen, 20fach vergrößerte Fotoaufnahmen als Einzelporträts entstehen.
Aus dem Verkauf der Reiskorn-Portraits wird ein erheblicher Anteil der Erlöse der Hilfsorganisation für die Förderung von Projekten zur Verfügung gestellt.
Auch Sie können heute und im Verlauf der Ausstellung mit dem Erwerb von Reisporträts aus der Serie „Eine Handvoll Reis“ den Ankauf von realem Reis, in diesem Fall Saatreis, ermöglichen: Mit dem Kunstkauf unterstützen Sie die Wiederaufbauhilfe für die Philippinen der Hilfsorganisation Care. Durch die verheerenden Folgen des Taifuns Ende letzten Jahres, wurden dort 1/3 der Reisernte des Landes vernichtet. Aus dem Erlös wird neue Reissaat beschafft.
Kunst und Charity, das kennen wir eher als Benefizgedanken, wenn die Kunst sich ganz dem Zweck der Wohltätigkeit unterordnet. Das Reiskorn Projekt bleibt jedoch ein Kunstprojekt, vom dem der Gedanke der Förderung von Hilfsprojekten ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Konzeptes ist. So wird jeder Käufer Teil eines Ganzen – wie die Reiskörner gemeinsam eine Handvoll oder einen Zentner ergeben, summiert sich auch die Hilfe jedes Einzelnen. Das Reiskorn Projekt soll dazu anregen, über die Bedeutung des Reises und die Kraft des Einzelnen – im künstlerischen und übertragenen Sinne – nachzudenken.

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Das Reiskornprojekt